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Endlich komme ich dazu, einmal etwas zu dem anregenden und interessanten Blog beizutragen. Das Thema ist aber auch zu reizvoll. Es beginnt schon bei der Wortwahl: Komplexitätsmanagement. Lässt sich Komplexität wirklich managen, im Sinne von planen, organisieren, führen und letztlich der Kontrolle des Erreichungsgrades des vorher als Ziel definierten Erfolgs? Wenn man sich die oben genannten Gedanken und Denkfehler betrachtet, dann wird m.E. sehr schnell deutlich, dass man Komplexität nicht managen kann. Planen würde bedeuten, dass alle beeinflussenden Faktoren zunächst gesichtet werden (können) und dann in eine sinnvolle Reihenfolge der Abarbeitung gebracht werden können. Das aber schließt die Komplexität mit ihrer Denotation als "Eigenschaft eines Systems oder Modells, dessen Gesamtverhalten man selbst dann nicht eindeutig beschreiben kann, wenn man vollständige Informationen über seine Einzelkomponenten und ihre Wechselswirkungen besitzt" (Wikipedia) schon aus. Schon der Begriff Management gaukelt also eine Machbarkeit vor, die letztlich gerade der Komplexität per definitionem widerspricht. Insoweit handelt es sich m.E. also bei dem Begriff um die Zusammenfügung zweier Begriffe, die sich eigentlich widersprechen, ein Oxymoron.

Wenn gleichwohl von Komplexitätsmanagement gerade in der Wirtschaft gesprochen wird, so ist die Frage nach dem Grund der Verwendung des Begriffs wohl in der Sehnsucht nach einer allumfassenden Beherrschbarkeit zu suchen. Man will auch noch die Komplexität managen. Dies umso mehr, als, wie vielerorts beschrieben, die Komplexität (gerade technischer Produkte) in einem Ausmaße zunimmt, die frühere Generationen schlicht nicht für möglich gehalten hätten. Wie aber sind frühere Generationen mit der Komplexität umgegangen? Ich meine, sie haben schlicht nur einen so geringen Teil der Natur in Anspruch genommen, dass Komplexität entweder keine Rolle spielte oder waren viel mehr als heute bereit, die Komplexität - als Teil dessen, was nicht zu ändern war - einfach zu akzeptieren.

Das allerdings führt zu einem grundlegenden erkenntnistheoretischen Problemstellung mit der Frage, ob der Mensch schlicht nur noch nicht in der Lage ist, kraft seiner menschlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten die Welt mit ihrer Vielzahl von Beziehungen und Abhängigkeiten zu erkennen oder ob es solche Beziehungen und Abhängigkeiten in vielen Fällen gar nicht gibt, die Dinge also nur beliebig koinzident sind. Letztere wäre in ihrer Reinform die ontologische Komplexität vor der der Mensch nur kapitulieren kann, erstere wird mit dem Begriff der epistemologischen Komplexität beschrieben. Sie gibt die scheinbare Gewissheit, dass man nur lange genug forschen und komplexe Sachverhalte in ihre Einzelteile zu zerlegen muss, um dann zielgerichtet einen vorher definierten und gewünschten Erfolg erzielen zu können. Dies aber führt schon gedanklich zu dem paradoxen Ergebnis, dass Komplexität dann aufgelöst wäre und damit ihres Sinngehalts beraubt. Da sie aber gleichwohl als Phänomen existent bleibt, ist damit auch der Begriff der epistemologischen Komplexität ein weiteres Oxymoron, allerdings eines, das wegen seiner wissenschaftlich-philosophischen Begründung paradigmenbegründend ist. M.E. ist der Begriff Komplexitätsmanagement unmittelbar davon abgeleitet, mit fatalen Folgen für die Manager, deren Aufgabe es wäre, mit Komplexität umzugehen.

Lösen wir also zunächst das Grundproblem der antipodischen Sichtweisen der Komplexität als epistemologisches oder ontologisches Phänomen.

Die Lösung liegt m.E. irgendwo in der Mitte, im freundlichen „Sowohl als auch“. Wenn wir auch wissen, dass Komplexität jedenfalls zum Teil ein epistemologisches Problem ist – man denke nur an die unendlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte in der Medizin, so sollten wir uns doch eingestehen, dass am anderen Ende der Skala immer ein Teil ontologische Komplexität stehen wird. Frühere Generationen haben das viel eher akzeptiert, und diesen Teil ihrer Wirklichkeit mit dem Numinosen beschrieben. Ontologische Komplexität bleibt ein Teilaspekt (und m.E. begriffsbestimmende Teil) der Komplexität und die damit beschriebenen Sachverhalte begriffsnotwendig unscharf.

Letztlich geht es also um die Frage, ob wir uns die Welt und letztlich auch die Wirtschaft als Uhrwerk vorstellen müssen, wie Newton (wohl epistemologisch orientiert) postulierte oder ob wir uns endlich mit Einstein mit dem Postulat der Relativität und damit einer gewissen (ontologischen) Unschärfe anfreunden wollen.

Die Vermutung ist, dass viele Manager, die sich mit dem Komplexitätsproblem in der Wirtschaft konfrontiert sehen, immer noch und immer wieder mit dem Paradigma der epistemologischen Komplexität das Problem lösen wollen, jener Chimäre, die in das Wort Komplexitätsmanagement mündete. Dass das nicht gehen wird, bin ich mir mit Walter Braun einig. Komplex ist eben nicht einfach nur kompliziert…

Nur – mit der Forderung nach den Innovativen in der Wirtschaft, den Querdenkern, vielleicht den Phantasten, den Bilderstürmern, kurz: den Anderen im Allgemeinen erscheint er – gerade vor dem Hintergrund der von Pelz beschriebenen sozialen Systeme – wie ein Rufer in der Wüste.

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